Das Auto ist keine Lösung.

Dieser Tage wiederholt sich eine Diskussion, die wir in Duderstadt traditionell regelmäßig führen. Dabei drehen sich die Argumente ähnlich denen, diese in der Diskussion darüber, ob nun die Henne oder das Ei zuerst da war, getauscht werden. Spätestens an dieser Stelle würde jeder Duderstädter*in klar sein, dass er sich natürlich um eine Diskussion über die Entwicklung, den Zustand, und die Vergangenheit der Duderstädter Marktstraße beziehungsweise der Fußgängerzone geht. Als federführende Argumente werden hierbei gerade von den Kritiker*innen der Fußgängerzone erneut die Vergangenheit und insbesondere die Befahrbarkeit der Fußgängerzone mit dem Kraftfahrzeug sowie damit verbundene PKW Parkmöglichkeiten herangeführt.

Diese Argumentation jedoch greift grundlegend ins Leere, beruhen doch diese Erfahrungswerte auf einer Zeit, die mithin nunmehr beinahe 3 Jahrzehnte zurückliegt. Seit der Schaffung der Fußgängerzone in Verbindung mit der Landesausstellung im Städtebau im Jahr 1994 hat sich jedoch sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich und allen voran technisch derart viel geändert, dass hier die gerne herangezogene Analogie, dass eine bessere Erreichbarkeit der Geschäfte auf der Marktstraße mit dem Auto, sowie verbunden damit Parkmöglichkeiten direkt vor der Tür der Geschäfte eine signifikante Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Geschäfte sowie die Attraktivität der Marktstraße als Standort für eben dieser, deutlich zu kurz greift.

Gehörte beispielsweise im Einzelhandel die durchgehende Öffnung der Geschäfte auch über den Mittag mit Einführung der Fußgängerzone in den im Jahr 94 noch eher zu den Ausnahmen, so ist es heute weitestgehend die Regel und wird entsprechend als normal angesehen. Diese Änderung kann dabei als eines von vielen Indizien dafür herangezogen werden, wie sich unsere Arbeitswelt seit den 1990er Jahren verändert hat.

Gerade im Dienstleistungssektor, indem auch in Duderstadt immer mehr Menschen beschäftigt sind, haben sich die Arbeitszeiten deutlich verschoben. Zwar hat sich seit Schaffung der Fußgängerzone die durchschnittliche Wochenarbeitszeit auch in diesem Bereich verringert, so sind die Arbeitszeiten an sich doch deutlich flexibler geworden. Diese Entwicklung steht dabei in einem klaren Konflikt zu den öffnungszeitgebundenen Angeboten in der Fußgängerzone. Ein Einkaufsbummel unter der Woche nach Feierabend ist schlicht und ergreifend heute für deutlich weniger Menschen möglich, als es noch in den 1980er und 1990ern der Fall war.Dass heute zudem Zweiverdiener-Familien eher die Norm als die Ausnahme darstellen, spielt zudem ebenfalls eine Rolle, die es mit Blick auf die Veränderungen und Probleme der Fußgängerzone zu beachten gilt.

Eine Antwort auf diese Veränderungen haben die Handelstreibenden in der Fußgängerzone in den letzten 30 Jahren nicht gefunden. Andere jedoch schon. Große Supermärkte, mit Öffnungszeiten teilweise bis 22:00 Uhr, in größeren Städten sogar noch länger, haben schon lange viele Produkte, die noch in den 90er Jahren klassischerweise in den Geschäften auf der Marktstraße zu finden waren ins Produktportfolio aufgenommen. Spätestens seit den 2010er Jahren hat sich zudem der Internethandel als Konkurrent zum stationären Fachhandel etabliert.

Kann – sofern der politische Wille dafür gegeben ist – die Konkurrenz für die klassischen Innenstadtgeschäfte durch Supermärkte noch beschränkt werden, so ist dies spätestens mit dem Onlinehandel nicht mehr möglich. Dieser ist dem stationären Fachhandel bereits seit Jahren deutlich überlegen. Die schnelle Verfügbarkeit von selbst den speziellsten Waren, wie sie im Internet üblich ist, kann von einem Fachhändler mit Ladengeschäft schon wegen der notwendigen Lagerkapazitäten und den nötigen gebundenen Geldmitteln nicht realisiert werden.

Ist der Kunde noch bis in die 2000er Jahren in den stationären Fachhandel gegangen, wenn er ein Ersatzteil für seinen Kühlschrank brauchte, bekommt er dies heute in weniger Zeit für weniger Geld direkt vor die eigene Haustür geliefert. Und das nicht einmal zwangsläufig von einem großen amerikanischen Versandhandel, sondern regelmäßig von kleinen und mittelständischen Fachhändlern, die die Zeichen der Zeit einfach deutlich eher erkannt haben, als es die Mitbewerber*innen in Duderstadt getan haben.

Die Digitalisierung des Fachhandels hat Duderstadt schleicht und ergreifend verschlafen.

Wenn wir also über die Zukunft der Fußgängerzone reden, wenn wir verstehen wollen, warum immer wieder Geschäfte leer stehen und Unternehmer*innen aufgeben müssen, dann sind es diese Probleme, für die wir eine Lösung finden müssen. Und die kann schlicht und ergreifend nicht in einer Teerdecke und Parkplätzen vor der Tür liegen, denn die Herausforderungen von heute sind gänzlich andere als die von vor 30 Jahren. Entsprechend können auch die Lösungen von damals nicht die Lösungen von heute sein. Vielmehr gilt es sich den Realitäten zu stellen, diese zu verstehen und neue Lösung für aktuelle Probleme zu suchen.

Die Corona-Pandemie hat dabei gerade in den Zeiten des Lockdowns erste Lösungen erkennen lassen. Auch der Duderstädter Innenstadthandel kann und muss die Möglichkeiten des Internets für sich nutzbar und seine Produkte dort verfügbar machen.  Mag vielleicht ein Einkaufsbummel in die Stadt nicht mehr einfach möglich sein, so ist es doch eine Bestellung bei einem kommunalen Anbieter über dessen (oder eine zentrale) Online-Plattform.

Bestellungen über das Netz aufgeben und direkt innerhalb weniger Stunden vor Ort abholen zu können, kann zudem sogar den Zeit-Vorteil, den große Versandhändler sonst regelmäßig haben, wieder einholen. Eine Same Day Delivery, wie sie amerikanische Versandhäuser bereits heute in zahlreichen Großstädten realisieren, ist für Duderstadt wohl eher nur durch lokale Händler*innen umzusetzen. Auch hier liegen große Potenziale, die nicht genutzt werden. Weitere Potenziale liegen in der zunehmenden Spezialisierung der Angebote und einer gesamten Neuausrichtung der Marktstraße weg von einem Handelsplatz für Allgemeinwaren hin zu einer touristischen Destination mit entsprechend spezialisiertem Angebot.

Die Grundlage dafür zu schaffen, liegt dabei nicht exklusiv bei den Unternehmer*innen, sondern vielmehr auch bei der Politik.

Eines jedoch sollte niemals aus den Augen gelassen werden: Gehen wir den Weg der erneuten Öffnung unserer Fußgängerzone für den Straßenverkehr, töten wir unsere Innenstadt mittelfristig komplett. Denn die Konsequenz wird sein, dass sich den Handel dort noch weiter spezifiziert, als er es bereits jetzt getan hat. Und zwar auf eine Zielgruppe, die nicht als nachhaltig angesehen werden kann: Senior*innen.

Für die meisten Menschen jungen und mittleren Alter ist es nicht von großer Relevanz, ob ein Geschäft gut mit dem Auto oder nur in Verbindung mit einem Fußweg zu erreichen ist. Faktoren wie schnelle Verfügbarkeit der gewünschten Waren und der Preis sind hier deutlich entscheidendere Faktoren. Für Senior*innen hingegen ist gerade der Faktor der direkten Erreichbarkeit mit dem PKW ein wichtiges Argument für oder gegen einen Einkaufsstandort.

Bereits jetzt sieht man mit Blick auf das Angebot in der Innenstadt einen deutlichen Wandel weg von einer generationsübergreifenden Destination hin zu einer Zielgruppenspezialisierung. Mit einer Öffnung für den Straßenverkehr würde diese sich noch weiter manifestieren.

Sicherlich würde hier kurzfristig einer Zunahme an Kund*innen aus den gehobenen Altersklassen eintreten und damit auch ein Zuwachs an, wieder ganz klar spezialisierten, Geschäften. Diese jedoch hätten niemals eine langfristige Zukunft.

In spätestens 30 Jahren gehen die ersten Digital Natives in den Ruhestand. Eine Generation gemeinsam mit dem Internethandel groß geworden ist. Ein Geschäft in der Innenstadt ist für diese deutlich weniger attraktiv, als es noch für die aktuellen Senior*innen der Fall ist.

Die Folgen dessen sind leicht auszumalen. Lehrstand, Ladenschließungen und dieselbe Diskussion wie wir sie aktuell alle paar Jahre führen. Dann wohl nur mit anderen Vorzeichen und eine Generation von Senior*innen, die sich an die Fußgängerzone zurückerinnern und daran, dass damals alles besser war.  

Probleme von heute brauchen Lösungen für morgen, nicht ebensolche von gestern.

Florian A. Lillpopp

Florian A. Lillpopp ist seit 2017 in der Duderstädter Kommunalpolitik aktiv. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender des PARTEI Ortsverbanes in Duderstadt. Zwischen 2018 und 2021 war er für die Gruppe Linke - Piraten - PARTEI + Mitglied im Jugendhilfeausschuss des Landkreises Göttingen. Seit der Kommunalwahl 2021 gehört er nunmehr dem Rat der Stadt Duderstadt als erster Vertreter der PARTEI an. Dort bildet er erine Gruppe mit der SPD. Seine politischen Interessen liegen vor allem im Bereich der Jugend- und Sozialpolitik, gleichwohl aber auch in den Bereichen des Natur- und Umweltschutzes sowie der Demokratie- und Erinnerungsarbeit.